Sprachkompetenzen in Europa

1. Die Sprachenfrage in der EU

Mit der Erweiterung der EU erhöht sich das Gewicht unseres Kontinents auf der internationalen Bühne. Gleichzeitig erschwert die dadurch notwendig gewordene Einführung neuer Amtssprachen in den Institutionen der EU die Kommunikation. Eine Gemeinschaft mit nun 23 offiziellen Sprachen muss sich den Anforderungen, die sich daraus ergeben, stellen: ein wichtiger Aspekt hierbei ist die Vertiefung und Verbesserung der Fremdsprachenkenntnisse und des Erlernens von Fremdsprachen.

Das Europäische Parlament nahm am 13. Dezember 2001, also am Ende des Europäischen Jahres der Sprachen eine Entschließung an, in der Maßnahmen zur Förderung der sprachlichen Vielfalt und des Sprachenlernens empfohlen wurden. Am 27. Juli 2003 genehmigte die Europäische Kommission den Aktionsplan zur Förderung des Sprachenlernens und der Sprachenvielfalt.

Im September 2007 veröffentlichte die Kommission einen Bericht über die Umsetzung des Aktionsplans mit den wichtigsten Ergebnissen auf europäischer und nationaler Ebene.

In den folgenden Bereichen bietet die EU besondere Unterstützungsmaßnahen für das Erlernen von Sprachen an:

- Frühzeitige Vermittlung von Fremdsprachen: Wenn Kinder im jungen Alter mit Fremdsprachen vertraut gemacht werden, kann dies dazu beitragen, dass sie Fremdsprachen schneller lernen, sich ihre muttersprachlichen Kenntnisse verbessern und sie auch in anderen Bereichen leistungsfähiger werden.

- Schulbildung: Gefördert werden beispielsweise gemeinsame Projekte von Schulklassen in verschiedenen Ländern (im Rahmen des Programms Comenius). Auch zur Unterstützung der Mobilität von Lehrern stehen EU‑Mittel zur Verfügung.

- Berufliche Bildung: Im Rahmen des Programms Leonardo unterstützt die EU die Entwicklung von Methoden und Materialien für den Fremdsprachenerwerb sowie von Methoden zur Validierung von Fremdsprachenkenntnissen in der Berufsbildung.

- Hochschulbildung: Das Programm Erasmus umfasst Intensivsprachkurse, durch die Studenten auf ein Auslandsstudium vorbereitet werden sollen.

- Erwachsenenbildung: Mit dem Programm Grundtvig unterstützt die Europäische Kommission Erwachsene, die ihre Kompetenzen: insbesondere auch die sprachlichen: verbessern wollen, um sich besser an Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt und in der Gesellschaft anpassen zu können.


2. Forderungen des deutschen Bundesrates und des Staatsministeriums Baden-Württemberg

Von Seiten des Bundesrates wird betont, dass die deutsche Sprache innerhalb der Europäischen Union weiter an Bedeutung zunehmen müsse. Rund 90 Millionen EU-Bürger sprächen Deutsch als Muttersprache, sowie weitere 14% der EU-Bevölkerung Deutsch als Fremdsprache.

Das Staatsministerium Baden-Württemberg unterstreicht diese Forderungen des Bundesrates bezüglich der Anwendung der deutschen Sprache.
Weitere Informationen zur Position des Bundesrates finden Sie hier, zur Position des Staatsministeriums finden Sie hier
 

3. Mein persönlicher Standpunkt zur Sprachenfrage in der EU


In meinem Bericht zur Sprachfrage in der EU habe ich darauf hingewiesen, dass die Bereitstellung von Informationen grundsätzlich in allen 23 Amtssprachen erfolgen sollte. Sollte dies aus bestimmten Gründen, wie beispielsweise fehlende finanzielle Mittel, Platzmangel oder zu geringe Dolmetscherkapazität, nicht möglich sein, so muss die Reduzierung der Sprachen einem objektiven Kriterium folgen.

Innerhalb des Europäischen Parlaments kann sich dies in den Ausschüssen und Fraktionen an den jeweiligen Mitgliedern aus den Mitgliedsstaaten orientieren. Für das Gesamtparlament und für Inhalte zur Bürgerinformation ist das maßgebliche Kriterium aber die Zahl der Sprecher der jeweiligen Sprache.
Können demnach bestimmte Inhalte nur in einer Amtssprache zugänglich gemacht werden, dann muss dies in englischer Sprache erfolgen. Werden zwei Amtssprachen benutzt, müssen die Inhalte in Englisch und Deutsch bereitgestellt werden, da seit der Osterweiterung der EU Deutsch die Sprache ist, die nach dem Englischen von den meisten Europäern gesprochen wird. Und werden schließlich drei Sprachen benutzt, steht an dritter Stelle das Französische.

Ein weiteres Kriterium kann auch der sogenannte „Verkehrswert“ einer Sprache sein, d.h. die Anzahl der Nichtmuttersprachler, die eine Sprache sprechen.
Den genauen Wortlaut meines Berichts finden Sie hier.

Grundsätzlich denke ich aber, dass wir uns nicht zu sehr in der Debatte um die Gleichberechtigung der deutschen Sprache verlieren sollten - wenngleich es wichtig ist, diese zu führen - sondern uns vielmehr proaktiv in zwei Richtungen bewegen sollten: erstens die deutsche Sprache nach außen offensiv bewerben, etwa durch die Goethe-Institute, Spracholympiaden oder Stipendienvergabe für Deutschlerner im Ausland. Denn je mehr der späteren Eliten anderer Länder deutsch sprechen, desto mehr Botschafter für die deutsche Sprache gibt es und desto mehr internationales Gewicht erhält die deutsche Sprache.
Und zweitens müssen wir uns verstärkt auf den Ausbau unserer eigenen Fremdsprachenkenntnisse konzentrieren, da wir nur dadurch auf lange Sicht Wettbewerbsvorteile in allen Bereichen, sei es Wirtschaft, Politik oder Kultur, haben werden.
Ich halte es für absolut unverzichtbar, dass wir unseren Kindern zu Hause und in der Schule das Erlernen von Fremdsprachen ermöglichen und sie dabei ermutigen und fördern.

Man sollte sich bei der Diskussion über die Sprachfrage in Europa einmal bewusst machen, dass Englisch in naher Zukunft kaum mehr als echte Fremdsprache wahrgenommen wird, da die Beherrschung des Englischen heute schon in vielen Bereichen selbstverständlich und unverzichtbar ist.

Gymnasiasten müssen also wenigstens eine zweite Fremdsprache "im Gepäck" haben.
Wer später eine Laufbahn in der Europäischen Union anstrebt, muss mindestens drei europäische Amtssprachen - neben seiner Muttersprache - beherrschen.

Dabei sollte man aber stets darauf bedacht sein, die eigene Sprache nicht mit Anglizismen zu "vermüllen", sondern vielmehr die eigene Sprache so gut wie möglich zu beherrschen, um sie immer dann zu benutzen, wo dies möglich ist und die Fremdsprache immer dann zu benutzen, wo dies nötig ist.
Das Beherrschen der Muttersprache ist das unverzichtbare Fundament des Erlernens jeder anderen Fremdsprache!

Man sollte sich dabei auch vor Augen halten, dass mit dem Erlernen von verschiedenen Sprachen auch das Aneignen der jeweiligen Kultur, Geschichte und Philosophie des Landes einhergeht. Man wird feststellen, dass in verschiedenen Sprachen verschiedene Dinge unterschiedlich bezeichnet werden. In den verschiedenen Sprachen drücken sich also auch unterschiedliche Wahrnehmungen der Welt aus.

Dies ist der Hintergrund des berühmten Wortes von Ludwig Wittgenstein wonach "die Grenzen meiner Sprache auch die Grenzen meiner Welt" sind.

Ich möchte Sie daher nochmals herzlich ermuntern, selbst an dieser “Ecke“ ein Leben lang aktiv zu bleiben und ihre Kinder oder Enkel beim Erlernen von Fremdsprachen zu unterstützen!
Weitere interessante Informationen rund um das Thema "Sprachen in Europa" finden Sie auf der Homepage der Europäischen Kommission (http://ec.europa.eu/education/languages/index_de.htm) und unter: http://ec.europa.eu/education/policies/2010/doc/lang2004_de.pdf  
  
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